Aktuelles

Bericht September 2009

Wie sieht die Situation des Vereins pro filia im September 2009 aus?

Ende November 2008 haben wir pro filia gegründet und nach gut 9 Monaten zählt der Verein jetzt bereits 34 Mitglieder. Zusätzlich gibt es InteressentInnen, die spenden oder mitarbeiten. Die im Vertrag mit MAITI für das erste Kooperationsjahr vereinbarte Summe ist jetzt vorhanden. Nun beginnt das Sammeln für das zweite Projektjahr!

Womit beschäftigen wir uns konkret bei pro filia?
Die allgemeinen Ziele sind nach der pro filia-Satzung Bildungsförderung und Gesundheitsfürsorge für benachteiligte Mädchen und das Erreichen gleichberechtigter Chancen für Jungen und Mädchen.
Und diese Ziele wollen wir vor allem verwirklichen durch die Förderung und Unterstützung von Mädchen und jungen Frauen in Ländern, in denen sie nach der Verfassung, der herrschenden Kultur oder der religiösen Rahmenbedingungen physisch, psychisch oder sozial benachteiligt sind.

Zurzeit konzentriert sich pro filia vor allem auf die Unterstützung von Mädchen, die verkauft wurden oder in Gefahr sind, verkauft oder verschleppt zu werden!! Und wir haben uns deswegen entschieden, in Nepal mit unserem ersten Projekt zu beginnen:

Nepal ist eines der ärmsten Länder der Welt und hat 28 Millionen Einwohner. Etwa 45% der Bevölkerung lebt unter der Armutsgrenze, das Durchschnittseinkommen beträgt ca. 290 Dollar pro Jahr. Frauen und Mädchen sind von der Armut besonders betroffen - auf dem Land mehr als in Kathmandu-Tal. Es kommt immer wieder vor, dass Mädchen nach der Geburt einfach ausgesetzt werden. 2/3 von ihnen können nicht lesen und schreiben: Der Schulbesuch lohnt ja nicht! Die Mädchen kommen ab 6 Jahren oft als Dienstmädchen in reiche Familien - für 40-50 Euro im Jahr und bei einer Arbeitszeit von 16-18 Stunden am Tag, oft noch den sexuellen Attacken der männlichen Familienmitglieder völlig schutzlos ausgeliefert! Fast die Hälfte der Mädchen zwischen 15-19 Jahren ist bereits verheiratet! Es kommt auch vor, dass junge Mütter vom Ehemann verstoßen werden, weil sie ein Mädchen geboren haben. Massive Gewalt gegen Mädchen innerhalb und außerhalb der Familie ist häufig anzutreffen.

Jedes Jahr werden in Nepal zwischen 10-15 Tausend Mädchen in indische Bordelle verschleppt. Sie werden zum Teil von ihren Eltern verkauft. Der Händler erhält etwa 7-800 Euro von den indischen Bordellen für ein Mädchen - je nach Alter und Aussehen! Die Eltern viel weniger - sie verkaufen oft aus Armut und aus Unwissenheit - aber auch, weil Mädchen fast nichts wert sind in der nepalesischen Gesellschaft und bei knapper Nahrung die Jungen überleben sollen.

Die Mädchen werden auch durch scheinbare Arbeitsangebote weg von zu Hause gelockt oder durch Heiratsversprechen geködert und von den Männern verkauft. Sie werden von Vätern und Brüdern an fremden Orten allein gelassen und finden sich dann in Bordellen wieder, meistens ohne Papiere wie z.B. eine Geburtsurkunde. Die kostet Geld und wird - wenn überhaupt - von Eltern, die in Armut leben, meist nur für Jungen beantragt. D.h., die Mädchen existieren offiziell oft gar nicht. Sie können meistens weder lesen noch schreiben und wissen oft gar nicht, wohin sie gebracht wurden.

Bei Widerstand in den indischen Bordellen werden die Mädchen durch Schläge, Verätzungen, Drogen und Massenvergewaltigungen gebrochen - und ihr durchschnittliches Alter beträgt 14 Jahre! Die jüngste von MAITI Gerettete war 7 Jahre alt!!

In den Bordellen werden die Mädchen gezwungen, mit bis zu 30 Männern am Tag Sex zu haben -  meistens ohne Kondome. Für den indischen Mann kostet Sex mit einem solchen Mädchen etwa so viel wie eine Coca Cola. Viele sterben: Es besteht eine hohe Infektionsrate mit HIV, worunter etwa 80% der Mädchen leiden, mit Hepatitis, Tuberkulose und Geschlechtskrankheiten. Selbst nach einer Befreiung oder Flucht werden die Mädchen zu 80% nicht mehr von ihren Familien aufgenommen. Sie sind krank, traumatisiert, ohne Bildung, haben kein Einkommen und besitzen so keinerlei Perspektiven. Sie leben in Nepal dann meistens weiter durch Straßenprostitution - bis sie sterben.

Wie kann pro filia dazu beitragen, diese Mädchen zu unterstützen?
Für uns war von Anfang an klar, dass wir nur wirksame Unterstützung leisten können, wenn wir eng mit einer nepalesischen Nichtregierungsorganisation zusammenarbeiten, die sich in Nepal und der nepalesischen Gesellschaft auskennt, die die Unterstützungsnotwendigkeiten und -möglichkeiten kennt, die langjährige Erfahrung hat und anerkannt ist.

Aus diesen Gründen haben wir uns für MAITI entschieden - eine Organisation, die alle diese Kriterien erfüllt und selbst von der UN schon für ihre Arbeit ausgezeichnet wurde.

MAITI ist nepalesisch und heißt übersetzt: Haus der Mutter! MAITI besteht seit 1993, ist eine große Nichtregierungsorganisation mit mehr als 200 MitarbeiterInnen und vielen HelferInnen. Sie hat angestellte MedizinerInnen, SozialpädagogInnen, RechtsanwältInnen. Ziele sind einmal eine offensive Bekämpfung von Mädchenhandel und Hilfe für Opfer von Mädchenhandel, aber auch die Bereitstellung präventiver Angebote für potentielle Opfer. MAITIs Angebote umfassen Aufklärungskampagnen in nepalesischen Dörfern durch Tanz und kleine Theaterstücke, den Bau von Schutzhäuser, Kliniken und Hospizen, Menschenhändler werden angezeigt und den Mädchen kostenloser Rechtsbeistand angeboten.

Auf unsere Anfrage hin zeigte sich MAITI sofort interessiert an einer Kooperation. Wir erhielten ein Konzept mit verschiedenen Unterstützungsmöglichkeiten und haben uns entschieden, im ersten Schritt zusammen mit MAITI ein Schutzhaus - ein Auffanghaus für Mädchen - an der indischen Grenze zu finanzieren. MAITI hat bereits an mehreren Kontrollpunkten zu Indien diese Auffanghäuser aufgebaut und in den vergangenen 12 Jahren damit rund 9000 Mädchen vor dem Grenzübertritt nach Indien bewahren können.

Mädchen werden an Grenzübergängen nach Indien in Zusammenarbeit mit den Grenzbeamten von Frauen angesprochen, die von MAITI ausgebildet wurden und oft selbst vorher in indische Bordelle verschleppt wurden - sog. Grenzbeobachterinnen (borderguards). Diese Grenzbeobachterinnen entwickelten aufgrund eigener Erfahrungen einen Blick für die Situation eines Mädchens und sprechen ihnen auffällige Mädchen direkt vor ihrem Grenzübertritt an und bieten ihnen als erste Unterstützungsmaßnahme die Aufnahme in das Schutzhaus an. Sie verdeutlichen ihnen auch, dass sie hier nicht nur für eine kurze Zeit essen und wohnen können, sondern ihnen auch längerfristige Perspektiven ermöglicht werden sollen wie Schulbesuch und Erlernen eines Berufs.

Wir werden in Biratnagar an der indischen Grenze zusammen mit MAITI ein Schutzhaus aufbauen. Hier wollen wir potentiellen Opfern und Mädchen, die krank und oft gebrochen aus indischen Bordellen zurückkehren, direkt vor Ort Alternativen anbieten und ihnen die Perspektive auf ein eigenständiges Leben ermöglichen. Und die todkranken jungen Frauen unter den Rückkehrerinnen werden wir in ein Hospiz von MAITI vermitteln, damit sie zumindest in der letzten Phase ihres Lebens umsorgt werden. Es kostet etwa 50 € pro Monat, einem Mädchen ein Platz in einem Schutzhaus zur Verfügung zu stellen.

In drei Wochen werden Bernd Brixius und ich nach Nepal reisen und mit MAITI am 12.10.2009 den bereits gemeinsam abgestimmten Kooperationsvertrag unterschreiben. Der Vertrag beschreibt konkret die von pro filia finanzierten Angebote und legt den sog. Output fest: d.h. wie viele Mädchen wird MAITI mit welchen Angeboten in den nächsten drei Jahren unterstützen. Z.B. sollen in den ersten 3 Jahren insgesamt 350 Mädchen und junge Frauen Unterkunft, Verpflegung, Betreuung einschließlich medizinischer Behandlung erhalten. Es sollen 25 Grenzbeobachterinnen ausgebildet werden und Aufklärungskampagnen in Biratnagar starten.

Außerdem werden im Vertrag die notwendigen Qualitätsstandards benannt wie z.B. eine Leitung des Schutzhauses durch eine Fachkraft, die Einhaltung klarer Grenzen zwischen Betreuern und den betreuten Mädchen und die Transparenz der Finanzierungswege. Auch die Berichts- und Nachweispflichten von MAITI sind festgeschrieben. Z.B. erhält MAITI erst dann den nächsten vereinbarten Geldbetrag, wenn uns die Nachweise und der Zwischenbericht aus den vergangenen 6 Monaten vorliegen.

Warum einen eigenen Verein gründen und nicht einfach eine bestehende Organisation unterstützen?
Ich sehe hier drei Hauptargumente:
– Wir sehen bessere eigene Mitgestaltungsmöglichkeiten in einem übersichtlichen Projekt. Wir können Einfluss auf die Angebote nehmen und auch umsteuern, wenn wir das für notwendig halten.
– Wir erwarten ein großes eigenes Engagement und auch mehr Überzeugungskraft bei der Motivierung anderer UnterstützerInnen und Spenderinnen des Vereins durch das Wissen um das konkrete Angebot, das Kennen der mitarbeitenden Menschen in Nepal und das Erleben betreuter Mädchen.
– Wir geben 100% der Mitgliedsbeiträge und Spenden von außen an das konkrete Projekt vor Ort weiter. Das Geld wird nicht zu einem hohen Prozentsatz für Verwaltungskosten ausgegeben, wie das bei fast allen anderen Organisationen der Fall ist. Wir finden entweder Sponsoren für die anfallenden Verwaltungsausgaben oder es werden von einzelnen Mitgliedern aus Vorstand oder Geschäftsführung Extrabeträge gegeben, wenn sich kein Sponsor findet. Außerdem findet die gesamte Arbeit ehrenamtlich statt.

Wir fanden diese Argumente sehr stichhaltig und haben deswegen pro filia gegründet!

Wie geht es weiter?
Ziele sind:
– den Aufbau des Schutzhauses in Biratnagar adäquat zu begleiten
– durch intensive Öffentlichkeitsarbeit weiter das Bewusstsein für die beschriebene Problematik zu schärfen
– noch mehr UnterstützerInnen zu gewinnen, die Mitglieder werden, spenden oder mitarbeiten.

Der nächste Zwischenbericht:
Nach unserer Rückkehr aus Nepal werde ich im November über unsere Erfahrungen vor Ort berichten.

22.9.2009 Johanne Feldkamp